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Günter Agde: Zum 10jährigen Bestehen von CineGraph Babelsberg

 

Zehn Jahre sind historisch keine Zeit, aber für eine so kleine Vereinigung wie CineGraph Babelsberg, Berlin-Brandenburgisches Centrum für Filmforschung e.V., sind sie enorm. Enorm heißt: fleißig, tapfer, zäh, heißt Arbeit, Initiative und Fabulierfreudigkeit der Mitglieder. Legt man die Daten und Ereignisse der allgemeinen deutsch-deutschen Entwicklungen seit damals an unsere CineGraph-Jahre an, so wird der Wert solchen Tuns – ich wiederhole: der Wert solchen Tuns – noch deutlicher.

Ich habe in alten Papieren geblättert und zitiere aus dem Gründungs-Einberufungsbrief vom 24. September 1991: "Liebe Freunde und Kollegen, es ist soweit [...] wir treffen uns zur Gründungsversammlung [es folgen Datum, Uhrzeit und Ortsangabe] auf historischem Boden, nämlich dem vordem Bioskop-, dann Decla-Bioskop-, dann Ufa-, dann DEFA-Filmgelände Potsdam-Babelsberg..." Unterschrieben von Hans-Michael Bock, dem spiritus rector von CineGraph Hamburg.

Wir versammelten uns seinerzeit im Büro von Alfred Hirschmeier, dem DEFA-Filmszenografen, und in dem von Hans-Michael Bock so enthusiasmiert beschworenen Geist.

Als Schwester oder Bruder – darüber war sich der Einladungsbriefschreiber seinerzeit selbst nicht so ganz klar – stellte CineGraph Hamburg großherzig außer seinem Signet vor allem die Reputation dieses erfolgreichen und folgenreichen filmhistorischen Unternehmens zur Verfügung.Mannschaft, Antrieb und Ton der Gründungsversammlung in jenem Büro waren freundlich-optimistisch, voller Hoffnung auf viel Gemeinsames der Potenziale von Ost und West. Wir alle – wie viele andere Menschen in der zu Ende gehenden DDR – nahmen an, dass wir nun bei der deutschen Wiedervereinigung die Kräfte und Begabungen zusammenlegen, wenn nicht gar potenzieren würden.

Nüchtern gesehen wollte der neue Verein "frei gewordene" filmwissenschaftliche Potenzen der DDR auffangen und in solche Projekte einfügen, die nun endlich möglich sein würden, nämlich wirklich deutsch-deutsche. Er sollte auch materiell den "neuen" Kollegen behilflich sein. Der westdeutsche Part und der ostdeutsche Part der deutschen Filmgeschichte, von den insgesamt 100 Jahren immerhin je 40 (!), konnten nun – so meinten wir – gemeinsam analysiert, aufgearbeitet, beschrieben, öffentlich präsentiert, popularisiert werden. Eine große Hoffnung blieb dabei auch, der bevorstehende 100. Jahrestag des Kinos 1996 würde soviel Schubkraft entwickeln, dass der neue Verein profitieren könnte, indem er "Seins" energisch und einfallsreich einfügte.

Bekanntlich hat sich vieles von den Anfangshoffnungen als Illusion, als Irrtum oder auch schlicht als Fehler erwiesen. Auch waren Konkurrenz und Wettbewerb härter – um nicht zu sagen: erbarmungsloser – als viele "Ossis" ahnten. Zudem blieb und bleibt das Außer-Vereins-Interesse an dem ostdeutschen Part deutscher Filmgeschichte mindestens porös.

Seither hat sich viel verändert – unser Verein vor allem, Kollegen gingen von uns weg, andere kamen hinzu. Aber gearbeitet haben sie immer alle.

Die erste Veranstaltungsreihe im Zeughaus-Kino wurde am 12. Juni 1992 gestartet – "Wiederentdeckt", monatliche Vorführungen von aufgefrischten, neu gezogenen, restaurierten Kopien alter und/oder fast vergessener Filme. Die Reihe ist (bis zur zeitweiligen Schließung des Deutschen Historischen Museums wegen Umbau) 70 mal gelaufen. Jeanpaul Goergen möchte an dieser Stelle vermerkt haben, dass an den 70 Abenden 146 Filme gezeigt wurden. Will sagen: wir kümmerten und kümmern uns nicht nur um Voll-Metrage und "richtige" Filme, sondern auch um Nebenwerke und Seitenlinien des Kinos – so wie heute abend, wenn wir 16mm- und Super-8-Kurzfassungen deutscher Filmklassiker zeigen. Dies ist nun auch schon wieder die Nummer 39: so oft haben wir im Kino Arsenal zusammen mit den Freunden der Deutschen Kinemathek die Reihe FilmDokument durchgeführt.

An dieser Stelle falle ich gern aus meiner Rolle als Festredner und gebe den einzigen Blumenstrauß dieses Abends an Jeanpaul Goergen, Vereinsmitglied fast der ersten Stunde, heute unser Vorsitzender, bewundernswert unermüdlicher Werber um Gelder, Annoncen und seit kurzem auch um Abonnenten, ein Sich-Kümmerer und emsig-genauer Redakteur von Texten, eine sprichwörtliche gute Seele für vieles in diesem Verein.

Von unserem Anfang an gab's die Beiblätter zu jedem Filmabend. Sie waren die Initialzündung für eine vereins-spezifische Publikationsstrategie, die sich sukzessive mauserte. Die Beiblätter blieben für alle Veranstaltungen von CineGraph Babelsberg quasi Pflicht und Anstand: seriöse filmografische Angaben und Quellen, eine Lesehilfe und Handreichung für den Zuschauer, auch für den anschließenden Weg nach Haus.

Schließlich das Filmblatt – mittlerweile Ausgabe Nr. 17 und eine, auch im Ausland angesehene Publikation. Das erste Heft dünn und einfach geheftet, zunächst noch mehr versprechend als einlösend. Heute eine Rarität, ich sage nur wenig ironisierend voraus: bald eine "blaue Mauritius" deutscher Filmgeschichtsschreibung. Durchweg ein seriöser, wendiger, ja, auch um Innovatives bemühter Vermittler filmhistorischer Informationen, Dienstleistungen, vielen Wissens auch im Detail und Handwerkszeug.

Wie es sich für eine muntere Truppe stets dicht an der Selbstausbeutung gehört, wurde und wird jede Ausgabe wacker per Hand eingetütet und frankiert. Diese Runden entwickelten sich unter der Hand zu freundlich-lustigen Kommunikationsformen, zu der jedes Vereinsmitglied eingeladen bleibt. Überhaupt ist Kollegialität bei gegenseitiger Achtung, sind Freundlichkeit und Solidarität des Umgangs miteinander, sind Fairness und Verlässlichkeit ein zwar nicht absoluter, so doch wichtiger Grundzug unseres Vereins (in seinen besten Tagen) und von großer Prägekraft.

Gelegentlich wünschte ich mir mehr solche Kommunikation der Mitglieder, es gab da auch – wen wundert's – mancherlei Knirschigkeit. Und auch die Publikationen sind nicht immer einheitlich. Manchmal fiel mir auf, dass einige Autoren – im übertragenen Sinne – wohl mehr an den Abmessungen der Perforationslöcher interessiert waren als an der sozialen Grundierung von Filmen – sei's drum. Mit Ideentransfer oder Stoffraub oder ähnlichen Delikten, dicht an der Grenze moderner intellektueller Kriminalität – ich weiß, wovon ich rede – hatten wir ernsthaft kaum zu tun, gottlob. Jeder von uns gab und gibt gern sein Wissen, seine Tipps weiter. Aber "richtig" im Archiv oder anderswo recherchieren muss man schon selbst, und schreiben sowieso.

Die Zeiten sind nicht günstig für solch emsige Arbeit im Weinberg des Herrn, wie unser Verein sie betreibt. Und die Großen des Geschäfts blicken nicht immer mit Gunst und Zuneigung auf unsere Arbeit – man beobachtet es immer wieder. Und Kampf bleibt es allemal.

Andererseits haben wir immer wieder ganz brauchbare, nützliche, auch amüsante und originelle Ideen gefunden. Und wir haben dauerhafte Verbündete: unsere Zuschauer und Leser vor allem, denn für die machen wir ja das alles und nicht nur für den kleinen Kreis von ohnehin Eingeweihten. Dann die Mitstreiter vom Berliner Kino Arsenal, von den Freunden der Deutschen Kinemathek und vom Filmmuseum Berlin, seit kurzem auch vom Berliner Filmkunsthaus Babylon. Dann die DEFA-Stiftung und die Archive im Land, vor allem das Bundesarchiv-Filmarchiv. Und hoffentlich bald auch wieder die Mannschaft des Zeughaus-Kinos im Deutschen Historischen Museum. Und unsere Mitglieder und Autoren.

Wenn Sie heute nach Haus kommen und im Internet nachsehen, finden Sie unter www.filmblatt.de derzeit noch die hübsche Eintragung: "Sie sehen hier eine soeben frei geschaltete Homepage." Und etwas kleiner darunter steht: "Es sind noch keine Inhalte hinterlegt worden." Das wird sich bald und gründlich ändern, das versichere ich Ihnen im Namen aller Mitglieder und Mitstreiter von CineGraph Babelsberg, Berlin-Brandenburgisches Centrum für Filmforschung.

In diesem Sinne: Danke und Glückauf.

(Vorspruch zu FilmDokument Nr. 39, 26. Oktober 2001)